Fotos: Angela Krumpen

Tibet lebt im Exil

„Von Anfang an haben wir gewusst, dass es dauern wird. Dass es sogar ein paar Generationen dauern kann. Gleichzeitig haben wir immer Hoffnung gehabt, zurückzukehren.(…) Ich rate den Menschen: gut zu essen, gutes, teures Essen (lacht herzlich) – das können wir mitnehmen. Ausgearbeitete Tempel – dieses Dinge sind nicht angemessen.“ – antwortete mir der Dalai Lama in seiner Residenz im indischen Exil. Auf die Frage: „Wie lebt Tibet im Exil?“

Diese Frage hatte mich bis nach Dharamsala, bis in die Ausläufer des Himalayas, gebracht. Im Gepäck hatte ich verschiedene Aufträge des Deutschlandfunks, für die Ressorts Gesellschaft, Politik, Reise und Religion. Die Frage, wie die Tibeter, ihren einzigartigen kulturellen Schatz im Exil bewahren, retten können. Den sie doch über hunderte von Jahren in der Abgeschiedenheit der Berge immer weiter, immer tiefer entwickelt hatten. Als ich im Februar / März 1997 dorthin reiste war die Flucht des Dalai Lamas vor der chinesischen Besatzung, bei der ihm 80 000 Tibeter folgten, bald 40 Jahre her.

Auf vielen Ebenen versuchen die Tibeter ihre Kultur zu bewahren, mit kulturellen Einrichtungen, Klöstern, einer medizinischen Hochschule, einer Bibliothek mit der bedeutendsten Sammlung tibetisch – buddhistischer Schriften überhaupt, Handwerkszentren und vielem anderen mehr. Aufs gastfreundlichste bin ich überall aufgenommen worden.

Heimweh ist schlimm – chinesisch lernen zu müssen ist schlimmer

Zum Beispiel im TCV, dem Tibetan Children Village, das zum Verbund der SOS Kinderdörfer gehört. 11 000 tibetische Kinder wurden damals insgesamt betreut. Jetsun Pema, die jüngste Schwester des Dalai Lama, leitete die Tibetan Children Villages seit über dreißig Jahren: „Diese Eltern, die kommen und ihre Kinder hier lassen, oder Eltern, die ihre Kinder über die Berge zu schmuggeln lassen, nehmen ein großes Risiko auf sich. Wenn diese Eltern zurück gehen bekommen sie wirklich Schwierigkeiten, wenn die Chinesen merken, dass ihre Kinder hier bei uns sind. Die Eltern sagen: wenn wir unsere Kinder nach hier bringen, dann sind wir sicher, dass dieses Kind aufwächst, um unabhängig zu sein.“ Und fährt fort: „Die Kinder haben Heimweh und all das. Aber sie wissen, meine Eltern haben mich nach hier gebracht, damit ich lernen kann und nah bei Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama bin.“

Ein Lama kann wichtiger als ein Arzt sein.

Dass Eltern ihre Kinder einer lebensgefährlichen Flucht aussetzen und darauf verzichten, ihre Kinder selber großzuziehen, wird verständlicher, wenn man weiß, dass für die Tibeter ihre Religion untrennbar zum ganzen Leben gehört. Religionsausübung ist ein Grundbedürfnis wie Essen und Trinken.

Die traditionelle Tibetische Medizin z.B. wird am Tibetan Medical Institute, einer medizinischen Hochschule, in einem sechsjährigen Studiengang gelehrt. Bis man ein tibetischer Arzt alter Tradition ist, vergehen oft dreißig Jahre Studium, in dem es um Heilkräuter, Psychologie ebenso wie um tibetische Philosophie geht. Nach tibetischem Verständnis kann ein Arzt nur heilen, wenn er alle möglichen Ursachen für eine Krankheit in Betracht ziehen kann. Diese Ursachen können physische, psychische oder geistige sein. Und jede Ursache muss anders behandelt werden.

In die Oper gehen, um zu beten

„Für die Tibeter heißt Opern anzuschauen oder aufzuführen, ein komplettes Ritual durchführen, ein Gebet sprechen.“ erklärte mir der Direktor des TIPAs, des Tibetan Institut of Performing and Art. Eine Kultureinrichtung, die die alten Tibetischen Künste, wie z.B. die religiöse Thankamalerei erhalten und pflegen soll.
Eine Tibetische Oper wird grundsätzlich im Freien aufgeführt. Sie beginnt morgens um neun und endet um fünf Uhr nachmittags. Die Tänzer und Sänger tragen prächtige, bunte, mit Gold bestickte Kostüme und überdimensionale Masken: jede Farbe und jede Geste hat eine ganz bestimmte Bedeutung. Die Sänger beziehen oft das Publikum mit ein. Und sie nützen die Gunst der Stunde: schon von alters her dürfen sie in der Oper unangenehme Wahrheiten aussprechen, die an die Mächtigen gerichtet sind. Sie machen das freundlich – und alle lachen, niemand ist ihnen böse. Aber ihre Botschaft kommt auch an, dass Beten mit Kunst zusammen gehört.

„Schauen Sie sich diese Bilder an“,

fordert der Direktor des Durchgangslagers für Flüchtlinge auf, in das vor allem Mönche, Nonnen, Kinder und Jugendliche kommen. An den Wänden seines Büros hängen schauerliche Fotos: Kinder ohne Füße, Finger, Zehen. Einige haben keine Beine. Kurz bevor ich kam, waren zwei Kinder auf der Flucht gestorben.
Alle werden vom Dalai Lama empfangen, bringen ihm alle ihre Nöte und traumatischen Erfahrungen mit. Und er soll alle heilen. Was kann er wirklich tun, habe ich ihn gefragt. „Zumindest kann ich den Menschen zeigen, dass ich ihr Leid teile. Und ich kann ihnen Hoffnung geben. Ich kann ihnen auch sagen, dass wir nicht alleine sind. Viele Menschen interessieren sich wirklich für unser Schicksal. Manchmal scheint das gute Auswirkung auf die Menschen zu haben- manchmal hilft es nicht.“

Alle sind willkommen

Wie unkompliziert und natürlich der Dalai Lama Besucher empfängt! Ich kann nur staunen. Natürlich sind alle Besucher, auch ich, ungeheuer aufgeregt. Wie alle seine Besucher, begrüßt er uns auf einer Terrasse, nimmt mich gleich an die Hand. Zieht mich in einen Raum, in dem wir auf gleicher Höhe nebeneinander sitzen. Sehr freundlich, herzlich und direkt schaut er mich an – und beginnt das Gespräch. Immer wieder lacht er sein tönendes, tiefes Lachen. Auch wenn es um die furchtbare Tragödie seines Volkes geht.

„Wir glauben ganz allgemein an das Gesetz von Karma, das Gesetz von Ursache und Wirkung. Deshalb: wenn wir mit tragischen Situationen konfrontiert werden, dann ist das erst einmal tragisch. Und oberflächlich gesehen, hat eine dritte Person, jemand anderes als wir, diese Tragödie verursacht. Aber auf lange Sicht gesehen, passiert die Tragödie aufgrund unseres eigenen negativen Karmas. Diese Sicht der Dinge reduziert sicherlich Ärger und das Gefühl, die Situation nicht ertragen zu können. Natürlich heißt das nicht, dass es etwas ist, dass wir verdient haben und es deshalb einfach hinnehmen müssen. Natürlich nicht. Wir versuchen diese Dinge zu überwinden. Wir haben jedes Recht, tragische Ereignisse zu überwinden.“

DATUM

1997

PROJEKT-PARTNER

Deutschlandfunk

Kategorie

RADIO